
Rezension: "Väter: Die Bedeutung des Vaters für die psychische Entwicklung des
Kindes" von Jean Le Camus |
19.06.2008, Dr. M. J.

Ist der Vater wichtig für die Erziehung des Kindes? Bis in die 1980er Jahre stellten Psychologen die Bedeutung des Vaters in Frage und konnten sogar behaupten, dass sein Engagement schädlich für das Kind sei. Seit etwa zehn Jahren zeichnet sich erfreulicherweise ein Wandel ab, an dem der in Toulouse lehrende Psychologe Jean Le Camus maßgeblich Anteil hat.
Was der Vater mit Ödipus zu tun hat
In seinem 2001 erschienenen Buch Väter: Die Bedeutung des Vaters für die psychische Entwicklung des Kindes untersucht er den Einfluss des Vaters auf die Entwicklung des Kleinkindes. Zunächst stellt der Autor die klassischen Positionen von Entwicklungspsychologie und Psychoanalyse vor. Demnach schützt der Vater den Jungen vor allzu großer Liebe zur Mutter. Die Psychoanalyse spricht mit Freud von der ödipalen Phase und bezieht sich damit auf König Ödipus, eine Gestalt aus der griechischen Mythologie, der irrtümlich seinen Vater tötete und die eigene Mutter heiratete.
Außerdem vertritt der Vater gegenüber dem Kind das Gesetz. Er repräsentiert die Ordnung der Welt und bereitet das Kind auf seine Rolle in der Gesellschaft vor. Vater und Mutter übernehmen gänzlich verschiedene Rollen: die Mutter spendet Trost, Nähe und emotionale Sicherheit, während der Vater eine prüfende, kontrollierende und strafende Instanz ist.
Kinder sind sicherer, wenn der Vater bei der Erziehung aktiv ist
Für die emotionale Entwicklung des Kindes galt der Vater als nachrangig; meist wurde der Mutter die exklusive Kompetenz dafür bescheinigt. Wissenschaftler wiesen in den 70er Jahren nach, dass Kinder schon in den ersten zwei Jahren eine intensive Bindung zum Vater aufbauen. Für die meisten Väter dürfte dies eine Selbstverständlichkeit sein, die aber leider bis heute noch allzu häufig ignoriert wird. Die körperliche Nähe des Vaters zum Kind ist für Camus ein wichtiger Teil der Beziehung. Er warnt davor, immer wieder unbedacht den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs ins Spiel zu bringen.
Das Engagement des Mannes sollte früh beginnen, möglichst schon während der Schwangerschaft; in dieser Zeit kann er sich auf seine neue Rolle als Vater vorbereiten. Nach der Geburt fördert der enge Kontakt des Vaters beim Kind die Entwicklung von Sprache und Motorik sowie einen sicheren Umgang mit fremden Personen. Ist die im Vergleich zu Mädchen langsamere Entwicklung bei Jungen gar nicht genetisch bestimmt? Fehlt ihnen oft nur der umsorgende Vater?
Wer ist überhaupt der Vater?
Instabile Familienverhältnisse verursachen für Kinder und Eltern besondere Probleme. Wer ist der Vater des Kindes? Ein Beispiel mag die vertrackte Situation verdeutlichen: Die Mutter hat während der Ehe ein Kind von einem anderen Mann bekommen. Sie trennt sich später von ihrem Ehemann und geht eine nicht eheliche Partnerschaft mit einem dritten Mann ein. Juristisch hat das Kind drei Väter: Der biologische Vater hat das Kind gezeugt; der Ehemann ist bis auf weiteres der gesetzliche Vater; der neue Partner ist der soziale Vater, sofern er sich vorrangig um die Erziehung des Kindes kümmert.
Im römischen Recht galt die Mutter immer als sicher (Mater semper certa est) und der Vater als unsicher (Pater semper incertus est), weil der Nachweis seiner Vaterschaft nicht möglich war. Die Gegenwart hat diese Vorstellung überholt, weil heute die Abstammung zweifelsfrei festgestellt werden kann. Dennoch ist der Status des Vaters, vor allem bei nicht ehelichen Kindern, weitgehend von der Willkür der Mutter abhängig. Engagierte Väter brauchen jedoch die Sicherheit, dass sie Väter bleiben – auch nach Trennung und Scheidung.
Aber bitte politisch korrekt!
Camus hat ein Plädoyer für Väter geschrieben. Sie haben für Entwicklung und Wohlbefinden des Kindes die gleiche Bedeutung wie die Mutter. Ein Buch muss sich jedoch verkaufen; viele Stellen sind bei Camus daher wohl der politischen Korrektheit geschuldet: Frauen sind bei ihm beruflich benachteiligt, geben für die Familie ihre Karriere auf oder leiden unter der doppelten Belastung von Job und Familie; Väter haben weniger Interesse an der Erziehung der Kinder und ziehen das Engagement im Beruf vor. Ohne diese Klischees feministischer Interessengruppen wird kaum ein Verlag einer Veröffentlichung zustimmen. Viele der vom Autor zitierten Quellen wurden für die Übersetzung des Buches mit Zahlen aus Deutschland ersetzt, die leider nicht immer aktuell und zuweilen auch falsch sind.
Wir hätten uns etwas mehr Mut gewünscht! Für einen Vater ist es unbegreiflich, dass das Selbstverständlichste der Welt dauernder wissenschaftlicher Prüfung ausgesetzt ist. Väter lieben ihre Kinder, sie wollen das Beste für sie und möglichst viel Zeit mit ihnen verbringen! Sie sind nicht entbehrlich oder ersetzbar! In einigen Jahren wird die Wissenschaft fassungslos über die Thesen sein, über die heute gestritten wird. Jean Le Camus hat uns dieser Zeit ein Stück näher gebracht. Für engagierte und sensible Väter wird sein Buch wenig neue Erkenntnisse bringen. Pflichtlektüre sollte es sein für Erzieher, Mitarbeiter der Sozialeinrichtungen und Familienrichter. Dort scheint man über die 50er Jahre häufig noch nicht hinaus gekommen zu sein.
Zum Buch:
Jean Le Camus
Väter: Die Bedeutung des Vaters für die psychische Entwicklung des Kindes
Taschenbuch 199 Seiten
Beltz Verlag
11,90 Euro
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