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Hinter der Betroffenheit:
Zu den Berichten über Kindestötungen

29.01.2008, Verfasser Dr. Elmar Schmidt

Natürlich ist nicht zu übersehen, dass sich die Meldungen über familiäre Schandtaten an Kindern regelmäßig vor Weihnachten häufen, ebenso wie vor den jüngsten Wahlen diejenigen über jugendliche und/oder ausländische Gewalttäter. Tatsächlich weist das Bundeskriminalamt von 2000 (293 Fälle) bis 2006 (200 Fälle) eine jährlich sinkende Zahl von Kindestötungen aus. Es ist auch stets im Auge zu behalten, dass die Sensationsgier der Medien sich erst im Internetzeitalter prompt und landesweit an solchen Verbrechen bedienen kann. Fälle wie der des in Portugal unter mysteriösen Umständen verschwundenen, kleinen englischen Mädchens zeigen auch, dass die Erweiterung des Verbrechensvorrats auf Westeuropa schon im Gange ist. Die aus derart weit gestreuten Ereignissen resultierende, zwangsläufig ungezielte Art von Betroffenheit ist daher nicht frei von Voyeurismus und Selbstgefälligkeit. Andererseits, das Problem ist da, und noch jeder solche Fall ist einer zu viel, insbesondere wenn es sich um die ruchlose Ermordung hilfloser Babies und Kleinkinder durch Ersticken, Totprügeln, Vergiften oder Verhungernlassen durch Elternteile handelt.

Einigkeit kann also gewiss dahingehend hergestellt werden, dass gerade die elterlichen Kindestötungen, selbst wenn sie keinen Maßstab zur Bewertung von 99,999% der familiären Beziehungen abgeben können, als Schwundstufen der Menschlichkeit mit Vorrang der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit bedürfen.

Von uns Trennungsvätern wird hauptsächlich die Frage gestellt, woher die im Allgemeinen recht unterschiedliche Behandlung von Müttern und Vätern bei elterlichen Kindestötungen rührt. Zu den spektakulärsten unlängst bekannt gewordenen Fällen zählen die nicht wenigen Verbrechen von mütterlicher Hand. Selbst wenn es dabei die o.g. mediale Vorauslese gegeben haben sollte (was hier mangels Zahlen nicht zu klären ist), kann das Paradigma der Frauenförderszene von den so gut wie allein gewalttätigen Vätern, denen nur beschützende Mütter gegenüber stehen, auch in dieser Hinsicht als gründlich widerlegt gelten. Wo man sich allerdings sicher sein darf, das ist bei dem gebetsmühlenhaften Bestreben nach Schuldentlastung der gewalttätigen Mütter. "Was muss bloß in dieser Frau vorgegangen sein, dass es so weit gekommen ist?", "… die offenbar geistesgestörte Frau hatte Angst, ihr Kind weggenommen zu bekommen", "Warum haben alle weg gesehen?" "Wo waren die Väter?" das sind so gängige Betroffenheitsthesen und -fragen. Sicher alle berechtigt, nur: man wird sie im ungekehrten Fall so gut wie nie auf einen Vater gemünzt vorfinden. Und wo waren sie denn, die Väter? "Abgehauen" wird hier natürlich unterstellt, während eine genauere Nachschau in so manchen Fällen vielleicht andere Antworten liefern würde: entsorgt waren sie häufig, hartnäckig am Umgang mit ihren eigenen Kindern gehindert oder schlicht ausgetauscht durch neue Liebhaber der Kinderbesitzerinnen!

Natürlich muss davor gewarnt werden, Kindestötungen wie diejenige des offenbar an der Umgangsverhinderung durch seine Frau und die für ihn zuständigen Ämter und Gerichte zerbrochenen "Münchener Vaters" als Doppelselbstmord zu beschönigen. Dennoch, auch hier wurde selbst posthum noch durch die Zensur seines Verzweiflungsschreis im Internet die gesellschaftsfähig gewordene Ausgrenzung erziehungsinteressierter Väter fortgesetzt, welche in dieser Republik sehr leicht zu Zahlzombies degradiert werden können. Solange es für eine solche Bevölkerungsgruppe so gut wie keine Hilfsinstitutionen gibt, sollte man sich nicht künstlich aufregen, wenn deren allerschwächste Mitglieder ihre als bereits vernichtet empfundene Existenz nicht weiterführen wollen.

Einer aufgeklärten Zivilgesellschaft ebenso unwürdig sind biologistische Schuldzuweisungen an Männer, die angeblich zwanghaft eigenen oder fremden Nachwuchs ausmerzen müssen, oder die in den Feuilletons zur Mode gewordene kulturgeschichtliche Verbrämung mütterlicher Kindestötung als "Medea-Komplex". Richtig ist, dass eine intakte Elternbeziehung, ehelich oder nicht, nach wie vor die beste Gewähr dafür darstellt, dass Kinder von massiven Krisen des einen oder anderen Partners nicht gleich destruktiv oder gar existentiell betroffen sein müssen. Eingedenk der Allgegenwärtigkeit von Trennungen hält der Väteraufbruch für Kinder, von wirklich extremen Ausnahmen abgesehen, an der Unverbrüchlichkeit von Elternschaft selbst über ein Zerbrechen der Partnerschaft hinaus fest, auch wenn das Gleiche für die im Zusammenspiel von Familien- und Justizministerium, den meisten Jugendämtern und Familiengerichten der BRD sich darstellende Praxis noch lange nicht maßgebend ist. Ungezählte Trennungsväter erleben diese Phalanx daher als "Kindeswohlmafia", die vorrangig beim Einfordern von materiellen Ansprüchen Schmiere steht, welche in oft grotesker Art an den Alleinbesitz von Kindern durch den meist weiblichen Elternteil gekoppelt sind.

Wenn man schon nach einer "verstehbaren" Konstante im Zusammenhang mit elterlichen Kindestötungen sucht, dann wird man darauf stoßen, dass Kinder in so gut wie allen Gesellschaften beseitigt wurden, wenn sie der Verwirklichung tatsächlicher oder vermeintlicher "Bedürfnisse" ihrer erwachsenen Mitglieder im Wege standen. So war Kindestötung und -aussetzung ein legitimierter, wenngleich nachgeburtlicher Pfad zur Regelung der Zahl zu ernährender Mitglieder in archaischen Gesellschaften. Daher ist es so beschämend, dass bei etlichen aktuellen Kindestötungen nicht Armut, sondern fehlgelaufene Lebensmuster dauerhaften Medienkonsums oder die Priorität der offenbar als unschwieriger empfundenen Haustierhaltung einige Kleinkinder das Leben gekostet hat. Von hier ist es auch kein so weiter Weg, einmal die Frage zu stellen, warum die einst unter den Vorzeichen der Frauenemanzipation weitestgehend straffrei gestellten und seitdem millionenfach vorgenommenen Abtreibungen - heute noch ergänzt durch die von vorgeburtlicher Diagnostik ermöglichte Chance, womöglich behinderte Babies auszusondern - nicht wirklich hinterfragt werden dürfen, und das in einem der reichsten Länder dieser Erde, welches inzwischen an seiner schief stehenden Demographie krankt. Aber das sind dann wieder andere Themen...…

 

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